Als meine Oma Agnes gestorben ist, war meine Tochter Johanna sieben, mein Sohn Niklas dreieinhalb Jahre alt. Und ehrlich gesagt stand für mich gleich fest: Johanna wird bei der Beerdigung mitgehen und Niklas bleibt zuhause. Ich hielt ihn für zu klein und ehrlich gesagt auch ein bisschen für zu wild. Ich kann mich heute leider nicht mehr daran erinnern, ob er den konkreten Wunsch geäußert hat, dabei zu sein, aber selbst wenn, hätte ich dagegen entschieden.
Jahre später, hat mein Sohn das Thema immer mal wieder aufgebracht: „Ich durfte ja damals bei der Ur-Oma nicht mit zur Beerdigung“ und: „mich habt ihr damals nicht mitgenommen“. In seinen Worten schwang Kränkung und Verletzung mit. Da gab es eine Feier, bei der die ganze Familie anwesend war und er musste draußen bleiben.
Mir hat damals anscheinend das nötige Feingefühl und Gespür gefehlt, um kindgerecht auf ihn einzugehen und ihm zu erklären, warum er nicht mitgehen sollte bzw. habe ich unterschätzt, wie wichtig es für Kinder sein kann, an der Beerdigung teilzunehmen.
Sollen Kinder mit auf eine Beerdigung?
Genau diese Frage begegnet mir heute immer wieder in Trauergesprächen. Sollen Kinder mit zur Beerdigung kommen?
Und du kennst das ja selbst, wie bei vielen wichtigen Fragen ist die Antwort nicht ein Einfaches Ja oder Nein, sondern ein ziemlich klares: es kommt darauf an.
Schützen oder einbeziehen was ist richtig?
Da ist der Wunsch, das Kind zu schützen, nicht zu überfordern, es ist nicht einer Situation auszusetzen, die für Erwachsene schon unerträglich sein kann. Es nicht mit der eigenen Traurigkeit zu überfordern. Und ja, die Situation kann das Kind belasten. Aber belasten ist nicht dasselbe wie schädlich. Oft sind Kinder belastbarer als Erwachsene denken. Aber sie dürfen natürlich mit ihren Gefühlen und Fragen nicht alleine gelassen werden.
Vielleicht ist da die Angst, das Kind könnte unruhig werden und die Feier stören. Für mich ist das Argument aus der Zeit gefallen.
Aber da ist auch der Wunsch, das Kind miteinzubeziehen, bei einem wichtigen Ereignis nicht auszuschließen. Da ist ein Mensch gestorben, der für das Kind wichtig war und für den das Kind wichtig war. Wie Oma und Enkel. Beide haben sich so geliebt. Und jetzt soll dieser wichtige Mensch beim Abschied nicht dabei sein? Fühlt sich auch komisch an.
Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Oft wird geraten, das Kind gleich einzubeziehen. Ihm zeitnah vom Tod des geliebten Menschen zu erzählen.
Kinder sind sensibel. Eltern merken das immer wieder. Kinder haben feine Antennen für die Gefühle ihrer Eltern. Und tiefe Trauer, die lässt sich nicht verbergen. Wenn das Kind nicht weiß was passiert ist, muss es eine Erklärung erfinden. Im Zweifel gibt es sich selbst die Schuld. Warum also nicht dem Kind sagen, warum Mama und Papa so traurig sind.
Und wenn ihr es erklärt, vermeidet solche Sätze wie: Oma ist eingeschlafen oder von uns gegangen. Das kann dazu führen, dass das Kind Angst vorm Schlafen gehen bekommt, oder, dass wenn jemand geht, er nicht mehr wiederkommt.
Der Ort, wo jemand gestorben ist, ist nicht unbedingt wichtig. Sonst wird vielleicht das Krankenhaus im kindlichen Bewusstsein mit einem Ort verknüpft, an dem man stirbt.
Ihr könntet auch darüber nachdenken das Kind eventuell sogar vom toten Menschen Abschied nehmen zu lassen um das Geschehen im wahrsten Sinne des Wortes zu be-greifen.
Heike Tesmer von Bestattungen Gross hat mir erzählt, wie natürlich auch schon kleinere Kinder mit dem toten Menschen umgehen und dass dies immer wieder ganz besondere Momente sind.
Wichtig bei dem, was ihr tut: immer ganz genau hinhören und hinspüren. Genau erforschen, was das Kind wirklich wissen will. Und sich nicht scheuen, eigene Unsicherheiten zu benennen.
Wenn die Rede auf die Beerdigung und den Abschied kommt, solltet ihr erzählen, was an dem Tag so geschieht. Solltet ihr offen dafür sein, das Kind an der Trauerfeier teilhaben zu lassen, dann fragt euer Kind, ob es dabei sein möchte. Und falls es nicht möchte, wäre es interessant zu erfahren, warum nicht.
Denn die Teilnahme an der Beerdigung ist ja nicht nur für Erwachsene ein wichtiger Teil der Trauerarbeit.
Warum es gut sein kann, Kinder zur Beerdigung mitzunehmen
Es spricht sehr viel dafür, dass Kinder bei einer Trauerfeier teilnehmen sollten. Da ist zuerst einmal das Alter des Kindes. Psychologen halten generell Kinder im Kindergartenalter von ca. 4 Jahren für bereit, an einer Beerdigung teilzunehmen. Natürlich kann man das nicht pauschal sagen. Ihr als Mama und Papa könnt euer Kind am besten einschätzen.
Es spricht einiges dafür, das Kind teilnehmen zu lassen:
- Es ist eine Feier, bei der die Familie zusammenkommt. Und das Kind gehört dazu. Es nicht mitzunehmen, schließt es von einem ganz wichtigen Ereignis aus.
- Wenn es die Beerdigung nicht selbst erleben kann, macht es sich eventuell ganz eigene Vorstellungen davon. Und Dinge, die als Geheimnis empfunden werden, machen oft Angst. Vor allem wenn man auch merkt, wie schwer es für Mama und Papa ist. Und das, was sie sich vorstellen kann beängstigender sein als die Wirklichkeit.
- Sie können aktiv etwas tun. Eine Kerze anzünden oder ein Bild oder einen Brief ins Grab mitgeben.
- Es schafft ein Verständnis dafür, dass etwas Endgültiges geschehen ist.
- Wenn man später das Grab besucht, ist das Kind mit dem Ort vertraut.
- Das Kind kann sich verabschieden.
- Das Kind lernt von den Eltern wie man trauert. Es zeigt ihnen, Tränen und Trauer sind normal, dürfen sein.
- Auch für Kinder gilt, der Rahmen einer Beerdigung bietet eine Struktur in der Trauer.
Wichtig ist, dass während der Trauerfeier eine Bezugsperson anwesend ist, die jederzeit für das Kind da ist und die mit dem Kind die Feier verlassen kann, wenn es das möchte.
Wie du dein Kind gut vorbereiten kannst
Und genau hier kannst du viel tun. Vielleicht besucht ihr vor der Beerdigung schon den Friedhof und die Trauerhalle oder den Friedwald. Ihr könnt erklären, dass viele Menschen da sein werden, dass fast alle schwarz tragen und viele weinen werden. Dass es einen Menschen gibt, der eine Rede hält und dass Lieder gespielt werden.
Ihr könnt erklären, dass es ok ist zu weinen, aber dass es auch normal ist, wenn man gerade dann nicht weinen möchte.
Dass ihr hinter dem Sarg oder der Urne zum Grab geht und Sarg oder Urne dann ins Grab abgelassen werden. Dass man zum Abschied vielleicht Erde oder Blütenblätter ins Grab gibt, oder eben auch etwas Persönliches wie einen Brief oder ein Bild.
Wichtig ist, dass das Kind weiß, dass es zu jeder Zeit die Trauerfeier verlassen kann.
Die Fragen, die sich dann ergeben, werden sicher nochmal ganz andere sein, als wenn man nur so darüber spricht.
Und natürlich gibt es schöne und kindgerechte Bücher zu dem Thema. Ein paar habe ich hier vorgestellt: Trauer hat viele Gesichter.
Und am Tag selbst?
Und wenn dann der Tag gekommen ist, bitte macht euch keine Sorgen, dass das Kind eine laute Zwischenfrage stellt oder vielleicht auch mal lacht. Wir sollten alle heute so viel Verständnis aufbringen, dass Kinder keine kleinen Soldaten sind, die man nur sehen, aber nicht hören soll.
Wenn ein Kind während der Feier eine Frage hat, dann beantwortet sie gleich. Nicht auf später vertrösten.
Ein Kind, das zwischendrin etwas sagt oder fragt, kann auch als Auflockerung gesehen werden. Ich empfinde solche Momente immer ganz besonders berührend und es stört doch auch in keiner Weise, wenn man dann auf das Kind eingeht.
Schön ist es, wenn das Kind eine kleine Aufgabe hat, wie eine Kerze anzuzünden. Vielleicht spielt es ja auch ein Lied auf einem Instrument, oder möchte nochmal seine Hand auf Sarg oder Urne legen.
Bei allem was man vorher besprochen hat, was kommt und was das Kind tut: wenn es sich in der konkreten Situation umentscheidet, dann sollte es wissen, dass das auch vollkommen ok ist.
Was ich heute anders sehe
Ihr seht, es gibt kein einfaches Ja oder Nein auf die Frage, ob Kinder an einer Beerdigung teilnehmen sollen. Es gibt viel zu bedenken und abzuwägen.
Ich habe damals für meinen Sohn entschieden, dass er nicht mitgeht. Heute würde ich mich dem Thema anders nähern. Und vielleicht wäre die Entscheidung wieder die gleiche. Vielleicht aber auch nicht.
Mein Plädoyer ist auf alle Fälle nicht alles von Kindern fernzuhalten, sondern sie miteinzubeziehen und ihre Fragen auszuhalten. Sie mitschauen und mitfühlen zu lassen, um auf ihre ganz eigene Weise zu verstehen und zu verarbeiten.
Und jetzt interessiert es mich, wie ihr das seht.
Habt ihr schon Erfahrungen gemacht?
War euer Kind bei einer Beerdigung dabei oder bewusst nicht?
Oder erinnert ihr euch an eure eigene Erfahrungen als Kind?
Ich freue mich sehr, von euch zu lesen.
Herzliche Grüße
Andrea
PS: herzlichen Dank an alle, die mit ihren Gedanken und Erfahrungen zu diesem Blogpost beigetragen haben.

Das ist absolut auf den Punkt gebracht. Ich erlebe es immer wieder, das Kinder, auch sehr kleine, wenn sie die Gelegenheit haben Abschied zu nehmen und dem Beispiel der Erwachsenen zu folgen, und den Menschen noch einmal anfassen und zum Beispiel die Kälte der Haut spüren, es beim Be-GREIFEN hilft. Auch letzte gemalte Bilder, in der ruhigen Umgebung bei der Abschiednahme zu Hause oder in unserem Abschiednahmeraum, in den Sarg legen, macht Kinder glücklich, weil sie aktiv mit Abschied nehmen. Luftballons am Tag der Beisetzung, die dem Verstorbenen in den Himmel folgen, sind auch wirklich eine schöne Zeremonie des Loslassens.